NACHRICHTEN

Die Helden von Weiden

steam-locomotive

Die Auswertung historischer Luftbilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist ein wichtiges Werkzeug der Kampfmittelvorerkundung, gelten die Luftbilder doch als objektive Zeugnisse der Ereignisse. Die physische Realität an einem bekannten Ort wurde zu einem bekannten Zeitpunkt dokumentiert und erlaubt es dem Auswerter, der durch Zeit und Raum getrennt ist, Strukturen wie Sprengbombentrichter oder Kampfstellungen zu identifizieren, sachlich zu klassifizieren und daraus Verdachtsmomente hinsichtlich einer möglichen Kampfmittelbelastung zu begründen.

Dabei stellt sich die Tätigkeit der Luftbildauswertung für den einzelnen Bearbeiter i.d.R. primär als technischer Akt dar, bei dem die Geschichten und Schicksale derer, die an besagtem Ort und in besagter Zeit lebten, dem Luftbildauswerter meist verborgen bleiben. Umso beeindruckender ist es, wenn sich die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder mit den von Historiker*innen zusammengetragenen Überlieferungen zusammenfügen und von menschlichen Schicksalen oder von Heldentaten berichten.

Eine solche tragische Heldengeschichte kristallisierte sich im Zuge der Auswertung von Luftbildern heraus, die die Stadt Weiden in der Oberpfalz im April 1945 zeigen. Einige Hundert Meter außerhalb des damaligen Stadtgebietes stachen in den Bildern mehrere enorme Krater mit bis zu 35 Metern Durchmesser ins Auge. Hinzu kam, dass alle Gebäude im Umkreis von 100 Metern um die Krater vollständig zerstört und noch in mehr als 200 m Entfernung Gebäudeschäden erkennbar waren. Allein die Größe der Krater, aber auch ihre Lage direkt auf einer Bahnstrecke, schlossen die üblichen Kriegsereignisse wie Bombardierungen, Artilleriebeschuss oder Sprengungen aus. Sprengbombentrichter von Luftangriffen sind deutlich kleiner und weiter gestreut. Selbst die größten von den alliierten abgeworfenen Bomben, die sogenannten „Tallboys“, bringen keine Krater von mehr als 30 Metern Durchmesser hervor. Was also war hier geschehen?

Die Antwort auf diese Frage führte zu der Geschichte von zwei Männern, die die Stadt retteten und dabei ihr Leben verloren. Die bekannten Ereignisse beginnen mit einem taktischen Luftangriff am 16. April 1945 durch amerikanische Tiefflieger auf den Bahnhof von Weiden. Bei diesem Angriff geriet ein Güterzug in Brand, der große Mengen hochexplosiven Treibstoffes für die V2-Rakteten geladen hatte. Der Lokführer, Johann Grünwald, und sein Heizer, Georg Dietl, setzten daraufhin die Lok unter Dampf und führten den brennenden Zug aus der Stadt. Die Männer wussten, worauf sie sich einließen. Grünewald hatte zuvor bereits Munitionszüge geführt und an jenem Tag den Dienst eines Kollegen übernommen, der mehr und jüngere Kinder hatte als er selbst, wahrscheinlich um diesen nicht der Gefahr auszusetzen. Von der nicht mehr abwendbaren Explosion des Zuges außerhalb der Stadt und den damit einhergehenden verheerenden Zerstörungen, die mehr als 60 Menschen, darunter Grünewald und Dietl selbst, das Leben kosteten, zeugen die Luftbilder. Hätten die beiden den Zug im Bahnhof verlassen, um Ihr eigenes Leben zu retten, hätte die Explosion vermutlich den gesamten Bahnhof und einen Großteil der Stadt zerstört. Die Verluste an Menschenleben wären um ein Vielfaches höher gewesen. Zur Erinnerung an die Ereignisse des 16. Aprils 1945 und in Anerkennung ihrer Tat hat die Stadt Weiden den beiden Männern im Jahr 2005 auf dem Vorplatz des Bahnhofes einen Gedenkstein gesetzt und den Platz in „Johann Grünwald und Georg Dietl-Platz“ umbenannt.